Also werden wir mal den Tag nicht vor dem Abend loben. Doch bisher lief es ganz gut. Die Sterne in der Nacht waren ein guter Anfang. Ich hatte im Hotel gefragt, ob die Straßenbeleuchtung des Hotels ausgeschaltet wird. Sie wurde zum Teil. Der Teil auf der rechten Seite wurde so beleuchtet, was gar nicht so schlecht für die Fotografie war. Alles andere lief vom Hotelbalkon ab. Zuerst filmte ich eine halbe Stunde den Sternenhimmel und hoffe ganz stark, dass ich die Erdbewegung zu sehen bekomme, wenn ich das Material extrem schneller mache, also auf 5 Sekunden verkürze. Der Film ist okay geworden (wenn man bei ein und demselben Bild von einem Film sprechen kann). Mal sehen wie grieselig er wird. Ich hatte die ISO-Empfindlichkeit auf Automatik und der Kamera erlaubt bis zu 32 000 ISO zu nutzen. Dann noch ein paar Aufnahmen, wobei ich auch hier einige Aufnahmen mit automatischer ISO gemacht habe (bei sonst allen anderen manuellen Einstellungen). Der Vordergrund – der Talkessel des Launenen – Tals ist natürlich schon eine Bank. Ich bin gespannt, was die Nachbearbeitung alles noch ergibt, was aus der Dunkelheit noch herauszukitzeln ist und wieviel ich das Rötliche aus dem Bild herausbekomme.
Das Ganze ist aber etwa so wie die Nordlichter. Mit dem bloßen Auge sieht man es /sie nicht so gut und schon gar nicht so farbig. Wobei ich noch den Sonnenuntergang Modus drin hatte. Mal sehen, was die RAW-Entwicklung ergibt. (Sie ergab ein sehr schönes Bild!)
Wir sitzen im Sozialgebäude (Speisesaal /Kneipe) des Campingplatzes in Gsteig. Er heißt Heiti. Im ersten Stock ist unser Zimmer. Das Gebäude ist ein sehr geräumiges BLOCK-Haus.
Wenn die Nacht auch fototechnisch erfolgreich war, der Morgen lief schief (ah der 13. Montag) Mit dem Wecker aufgewacht, 7.45 Uhr, um uns bis 8. 00 Uhr in Ordnung zu bringen, bzw. auch das Zimmer, da wir das Frühstück auf das Zimmer bestellt hatten, ein kostenloser Service in Corona Zeiten. Wir waren fertig, das Zimmer auch, doch dann warteten wir. Packten noch die Rucksäcke, machten uns dreimal reisefertig, kein Klopfen an der Tür. Auch davor war nichts abgestellt. Jetzt stellte sich zum Hunger auch noch ein gewisser Frust ein. Gestern, bei der Ankunft und der Corona-Einweisung hat man uns dies noch ausdrücklich empfohlen und Toma hatte 8. 00 Uhr angegeben. 8. 30 Uhr gingen wir runter, etwas verärgert. Drei unterschiedliche Bedienungen fragten immer wieder nach unserer Zimmernummer, die sich doch nicht ständig änderte. An der Kaffeemaschine / Teewasserautomaten war eine Schlange und wir bräuchten vielleicht 10 Minuten, bis der Kaffee auf dem Tisch stand. Als dann auch das Frühstück kam, wir schon angenervt, entschlossen wir uns, es doch von unserem Balkon mit der fantastischen Sicht auf die Berge einzunehmen.
Frische Luft, perfekte Sicht, da besserte sich die Laune schon, obwohl ich noch Besteck von unten holen musste. Gut gesättigt machten wir uns auf den Weg. Doch es war schon 9. 30 Uhr. Wetter blendend, Sonnenschein, noch eine angenehme Morgenfrische, perfektes Wanderwetter. Es ging entlang des Flusses zum Lauenensee. Der Weg von Launen nach Gsteig führt nicht über diesen Umweg. Aber der See sollte schön sein und da heute bis Gsteig laut Tourenbeschreibung weniger als 3 Stunden veranschlagt waren, konnten wir diesen Umweg verkraften. Wir gingen den schönen Weg, geschmückt mit Schnitzereien. Am See bogen wir nach rechts ab, da Gestein nicht ausgezeichnet war. Nach kurzer Distanz kam uns eine Schweizerin entgegen und Toma sprach sie an. Es war eine ältere Dame, 75 Jahre alt, wie wir im späteren Gespräch erfuhren. Sie erklärte uns den Weg, der aber in ihre Richtung ging (wir mussten umkehren) und wir liefen also gemeinsam im Uhrzeigersinn um den Lauenen – See. Sie ging zum Schwimmen im See. Im Sommer hier – wie ich verstand - im Winter in Zürich. Als wir an einem kleinen Häuschen am See vorbeikamen, bog sie ab und wünsche uns einen schönen Tag. Das einzige Haus, das direkt am See stand, mit zwei Ruderboote (auch den einzigen) gehörte der Frau. Aber ihre Kleidung war löchrig. Von weiten sahen wir, wie sie auf den See hinauskraulte. Fit wie ein Turnschuh, mit 75 Jahren.
Wir umrundeten den See und auf der gegenüberliegenden Seite ging es dann bergauf zum Chrichlipass oder so ähnlich. Es war heiß, der Schweiß lief. Der Rucksack war schwer. Doch die größten Plagen waren die Bremsen. Eigentlich ließen sie uns eher schneller laufen, als dass sie uns bremsten.
Zurückblickend in den Talkessel sahen wir die Wasserfälle von den Steilen Wänden des Kessel herabstürzen und das Wasser speiste wohl dann den See. Heute hatte ich mit dem extra gekauften Mikrofon Vogelstimmen aufgenommen. Wenn man auf die Geräusche im Gebirge achtet, öffnet sich einem noch einmal eine neue Dimension. Ich kann mich an unsere erste Wanderung (nach Venedig) erinnern, aber auch an die zweite, als wir Übungen der Armee im Gebirge mit anhören konnten. Dann fällt es auf, der Lärm. Sonst nehmen wir ihn eher untergeordnet wahr. Hat man aber ein Mikro mit und möchte auch Tonaufnahmen mit nach Hause nehmen, steigt die Aufmerksamkeit enorm, was Geräusche betrifft.
Wassergeräusche sind sehr dominant, aber ebenso alle Geräusche, die der Mensch produziert, zum Beispiel in der Luft, Hubschrauber, Flugzeuge, Düsenjäger… aber auch die menschliche Sprache bei Wandergruppen, die man trifft, ist sehr laut. Dann kommen schon die Vögel, dann die Grillen,
Unterbrechung wegen Dinner.
Ich blieb also ab und zu mal stehen und nahm Geräusche auf. Es ging bergauf, bergauf knapp 600 Meter. Einen richtigen Pass gab es heute nicht. Irgendwann musste man sich entscheiden, wie man nach Gsteig gehen will. Wir wählten links. Die absolut richtige Entscheidung (was man bei Entscheidungen immer erst später sagen kann. Doch jetzt ist schon später.) Es ging leicht bergab, immer noch durch Wald. Viele Menschen waren unterwegs, die nicht mehr „Grüz Euch alle miteinander“ sagten sondern Bon Jour. Von uns bekamen alle ja nur ein Hallo. Ganz selten sollten wir auch den Gott grüßen. Klar machen wir. Also viele Grüße, lieber Gott. Scheint gewirkt zu haben, oder war es doch nur Zufall oder eben das neue Mikro oder die getroffenen Entscheidungen, er weiß. Ich verharrte vor einer Tanne oder zwei und nahm einen drosselartigen Gesang auf. Toma ging schon weiter. Da stehe ich nun und blicke ins Nirgendwo und nehme auf, als zwei, drei Tierchen am Hang unter den Bäumen hin und her huschten. Oh dachte ich mir, vielleicht bekomme ich jetzt ein paar Bilder von Eichhörnchen. So etwas lockert ja immer die Berichterstattung auf, diese niedlichen Tiere. (obwohl ich sie ja jetzt bei uns im Garten filmen kann). Also Aufnahme abbrechen und etwas näher herangehen und schauen, ob sie noch in der Nähe sind. Da waren sie aber schon wieder und ich drückte einfach auf den Filmknopf, was man hat, hat man. Da wurde mir bewusst, dass es keine Eichhörnchen waren. Also was tun, stehen bleiben und aus der Entfernung filmen, okay, ein Versuch, doch dann erwachte der Jagdinstinkt doch und vielleicht ließen sie sich auch von Nähe filmen. Ich schlich mich näher und sie schienen noch da zu sein
Rucksack ablegen, Fotoapparat abmontieren und weiter anschleichen. Da dämmerte mir, dass dies Marder oder Wiesel sein könnten. Ich wunderte mich nur darüber, dass sie tagsüber aktiv waren und überhaupt sich nicht verkrochen. Als ich sie wieder erblickte, fauchten sie mich an. Es waren niedliche Tierchen, etwa 5. Sie tobten auf einen Stapel von Bäume, mit ziemlicher Sicherheit ihr Bau, und schienen mich nicht zu bemerken. Ich filmte und filmte und da kam wieder dieses Gefühl, wow, so wie der Hai auf den Malediven direkt vor mir einen Fisch verspeiste, da passiert gerade etwas Tolles.
Die Hermeline, wie ich für mich entschieden hatte, diese kleinen Tierchen waren sehr agil. Doch ich hatte bei allem Glück doch ein Handicap. Die maximale Brennweite meines Objektives war nur 105 mm. Und wie dies bei solchen Situationen immer ist, man muss sich entscheiden zwischen auf Distanz bleiben, um nicht zu riskieren, dass die Tiere flüchten oder versuchen näher heranzugehen, mit der Belohnung, die Tiere in der Totale zu fotografieren, was dann aber nur ein Foto bedeuten könnte. Das Toben war nicht ganz klar, ob es nur ein Toben war, ob die Mutter unter den Tieren war und versuchte, die Jungen wieder in den Schutz des Baus zu scheuchen, ob es nur ein Spiel war. Sie hatten mich ja nun bemerkt und eine Distanz gewissermaßen akzeptiert, wo sie, halbwegs sich ungestört fühlend, rings um ihren Bau hin und her sprangen. Ich entschloss mich nach gefühlten ausreichenden Material, also einigen Sekunden, bis fast Minuten, die als Film brauchbar sein würden, die Totale zu versuchen. Man weiß ja nie, wenn das Spektakel vorbei sein würde. Mir war ja jetzt schon unheimlich vor Glück. Das Herz des Fotografen war erfüllt von Dankbarkeit. Ich musste ja noch die richtigen Verschlusszeit einstellen, da die Tierchen in der Bewegung recht schnell waren, es aber auch unter der Fichte, wo der Stapel der Bäume lag, recht dunkel war. Die ersten Fotos sind etwas verwischt, da ich beim Wechseln vom Filmen zum Fotografieren nicht die Verschlusszeit erhöht hatte. (korrekt verkürzt hatte). Und dann wuchs natürlich der moralische Druck, Toma ist weitergegangen und wird mich vermissen, zuerst vermissen, dann nervös werden, und dann klingelte auch schon das Telefon. Das störte die kleinen Hermeline aber nicht. Ich entschied, die Schelte standhaft entgegen zu nehmen und die tolle Möglichkeit vollständig auszuschöpfen. Also immer draufhalten. Mal Film, mal Foto. Das Telefon klingelte wieder. Wanderer, die mich abseits vom Weg entdeckten, riefen mir zu, dass meine Frau auf mich wartet. Als ich dachte, ich hätte genug, beschlich mich dann auch das schlechte Gewissen, dieses Abenteuer Toma vorenthalten zu haben. Also ihr hinterher und sie vielleicht zum Umkehren zu bewegen. Nach keinen 100 Metern war eine Abzweigung. Von Toma nichts zu sehen. Also anrufen, die Schweizer Telefongesellschaft wird ihre Freude haben. Sie war umgekehrt und suchte mich. Das war seltsam, denn wir hätten uns dann treffen müssen, oder sie hätte mich sehen müssen am Wegesrand. Naja, nach ein paar Bangeminuten sahen wir uns und ich konnte auch Toma diese kleinen Wiesel zeigen. Jetzt gelangen auch einige Aufnahmen außerhalb des Baus mit der herrlichen Alpenlandschaft im Hintergrund. Dazu musste man in die Hocke gehen, also richtig runter, aber nicht zu weit und dann noch Glück haben, dass die Hermeline auch an der richtigen Stelle eine kurze Weile sitzen blieben. Toma schaffte einige Aufnahmen mit dem Handy.
Wenn ich mir so überlege, wie einfach es war, die Tiere im Wald in ihrer natürlichen Umgebung zu filmen, wenn man wusste, wo sie ihren Bau haben, ging mir ein wenig der Respekt vor den Tierfilmern verloren. (Aber nur ganz, ganz kurz, denn die Freude war riesig.)
Irgendwann muss einmal Schluss sein. Mit der Zeit hatten sich die Tiere in ihren Bau zurückgezogen. Ab und zu sauste mal eins herum. Wir nahmen Abschied. Ich hätte große Lust wieder zu kommen. Wie viele Faktoren zusammenkommen mussten, dass wir dieses Erlebnis hatten, unglaublich, dass so etwas dann doch passiert.
Der Abstieg war nicht schlimm. Alle fast 600 Höhenmeter mussten wir wieder absteigen. Als wir durch das Dorf kamen, standen gerade die Busse an der Haltestelle, die Fahrer waren ausgestiegen und hielten einen kurzen Plausch. Wir erfuhren von ihnen die Übernachtungsmöglichkeiten, verifizieren diese in der Touristeninfo und entschieden uns für Heiti. Heiti hatte noch ein Zimmer frei mit Etagendusche/Toilette. Wir waren heute nach 6 Stunden doch schon müde, und da fiel die Entscheidung, hier zu übernachten, leicht.