1. Oktober 2019 -Montag
Die Nacht im Sporthotel war ohne Seife und Toma hatte um beide Knie kalte Wickel, um die Schmerzen zu lindern. Es war ziemlich basic und dafür teuer. Halt die Schweiz. Das Frühstück hatten wir für pro Person 18 Franken noch hinzu gebucht. Es gab keinen Bäcker mehr im Ort, dafür ein schönes Haus der alten Bäckerei. Doch das Zimmer war warm, die Luft extrem trocken, die Kehle ausgedörrt. Wir gingen, wie schon geschrieben, zeitig ins Bett. Generelle Beobachtungen: Man könnte denken, dass wir in Japan wären. Die Japaner, vielleicht sind auch noch ein paar Hongkong-Chinesen dabei, sind in der absoluten Überzahl. Was europäisch aussah waren entweder reiche Amis oder Engländer aus London, die für ein Wochenende mal kurz rüber geflogen sind, um mit der Bahn auf das Jungfrauenjoch zu fahren. Dort standen die Japaner dann sehr diszipliniert Schlange, um ein Foto mit der Schweizer Flagge und der Aufschrift Jungfrauenjoch mit Hintergrund desselben Berges zu machen. Aber sie bewegten ich, als wären sie zu Hause. (zum Beispiel setzten sie sich zu einer jungen Frau aus London, obwohl der Zug fast völlig leer war. Man sucht die Nähe. Und interessanterweise Englisch ging, die Verständigung klappte.) Wir können zumindest das Posing noch von ihnen lernen.
Heute standen wir gegen 7 Uhr auf, Toma schon mal gegen 4 Uhr in der Nacht. So ziemlich ausgeschlafen ging es ins Sportszentrum frühstücken.
Der Mann an der Info erklärte mir die Berge, die ich gestern so viel fotografiert hatte. Eiger, Mönch, schwarzer Mönch im Vordergrund und irgendeine Spitze, die ich schon wieder vergessen habe, dahinter. 8.30 Uhr verließen wir die Unterkunft (die auch den Skiläufern im Winter 17-19.Januar- als Unterkunft für ein Weltcuprennen dient - das Rennbüro hatte schon geöffnet.)
Die Sonne war noch hinter den Bergen, man roch sie aber schon. Es ging in Richtung Spilbodenalp, erst leicht, dann steil bergauf. Als die Sonne hinter den Bergen hervorbrach, begann das Glück des Fotografen. Wunderschöne Landschaft, gerade bilderbuchmäßig, vereinzelte Bäume in den herbstlichen Farben, im Sonnenlicht glänzende schneebedeckte Bergkämme. Superb, eine Nachverarbeitung wird kaum von Nöten sein.
Viele Wanderer waren trotz des herrlichen Herbstwetters nicht unterwegs. Mit 6,5 Stunden war die Strecke bis zur Griesalp ausgewiesen. (Gehzeit) Wir benötigte 2 Stunden mehr, machten aber auch einige Pausen, einmal oberhalb der Rostocker Hüte, und beim Abstieg am Fluss.
Der Aufstieg war schweißig, schwitzig, das lange Unterhemd war zu viel unter dem Skishirt. Die Sonne brannte ganz schön, ich hatte ständig Durst. Toma rettete mich mit Traubenzucker, immer zur rechten Zeit, wenn die Depots leer waren. An unserer Rast am Aufstieg entdeckte ich einen kleinen See, in dem sich die schneebedeckten Berge (Eiger, Mönch und ??? - nicht Jungfrau) spiegelten, wenn man den Foto ganz nah über die Wasseroberfläche hielt. Es sind zumindest auf dem kleinen Fotobildschirm schöne Aufnahmen geworden. Nach dieser Rast ging es noch eine Weile normal bergauf, dann türmte sich vor uns die Wand auf, der Anstieg der zur Scharte führte. Erst ging es durch ein wenig Schnee, der an manchen Stellen eisig war und natürlich rutschig. Über uns ratterte es, wie ein Dieselmotor. Auf einem kleinen Plateau standen ein Container und ein Dieselgenerator, der den Bauarbeiter als Stromerzeuger diente. Kurz nach dem Container begannen die Leitern, die die Bauarbeiter in diesem Sommer angefertigt hatten. Sie endeten oben auf der Serigenfugge. Dort begannen die Leitern für den Abstieg. Alles sehr steil. Ein Glück, dass wir auf der Halde Hohewart die Himmelsleiter hoch und runter gelaufen sind. Das war ein gutes Training, aber die Wirklichkeit war härter. Viel steilere Treppen und kurz hintereinander erzwangen schon nach der Hälfte eine Verschnaufpause. Als ich die heutige Etappe gelesen hatte, hatte ich schon einigen Respekt bekommen. Es lief aber gut, ohne Muffensausen. Auch bergab stellten die Treppen keine große Herausforderung dar. Die höchste Höhe, also an der Scharte, war 2612 Meter. Ich hatte mit mehr als 2700 Metern gerechnet und war ganz glücklich, als wir oben waren, denn es war schon anstrengend. Der Mann von der Rezeption im Sporthotel hatte uns gewarnt, dass die Schneefallgrenze zwischen 2400 und 2500 Metern liegt und wir mit Schnee rechnen müssen. Wir wären wohl auch umgekehrt, wenn es nicht mehr ginge, aber sehr ungern. Wir hatten einfach Glück mit dem Wetter. Auch am Nachmittag, also während des Abstieges gab die Sonne alles, was sie noch Mitte Oktober in dieser Höhe raushauen konnte. Abwärts fingen dann nach 500 Metern (Höhenunterschied zur Scharte) Tomas Beine an zu schmerzen. Bei den restlichen 700 Höhenmetern konnte man nicht mehr von Genusswandern sprechen. Aber die Landschaft war im neuen Tal nicht weniger imposant, wenn vielleicht auch die Großen fehlten, Eier, Mönch und ???. Mitten im Trümmerfeld, Schutthalde, wuchs ein prachtvolles Veilchen. Blumen gab es sonst nur wenige, es dominierten die Silberdisteln. Dafür gab es bunte Laubbäume, die in der Sonne die allergrellsten Farben entfalteten.