Tag 8

Tag 8

Ein bisschen Bammel hatten wir wohl alle, wie die Doppeletappe ausgehen würde. Im Buch ergab sich eine zusammengerechnete Laufzeit von 11 Stunden. Das ist aber eine Zeit ohne jegliche Pausen und wir waren bisher immer länger unterwegs. Die erste Maßnahme war zeitig los gehen. So bald der Weg zu sehen war, wollten wir also los. Wir standen um 5 Uhr auf und waren auch pünktlich abmarschbereit. Es ging bergauf. Nach 90 Minuten machten wir wie nun schon gewohnt unsere erste kleine Pause. Aber es waren noch etliche Höhenmeter zu laufen. Zum Wetter: 5.00 Uhr war sternenklarer Himmel, die Milchstraße schön zu sehen, da der Mond schon abgetaucht war, der in der Nacht die Milchstraße weggeleuchtet hatte. Um 6.00 Uhr gab es schon einige Wolken am Himmel, die die Sterne verdeckten. Beim Aufstieg kamen immer mehr hinzu. Da die Wolken nicht sehr dicht waren, war der blaue Himmel immer noch ab und zu zu sehen. Es bestand noch Hoffnung, dass die Sonne herauskam und es etwas wärmer werden ließ, denn am Morgen war es relativ kalt und die Wärme produzierten wir nur selbst. An der Scharte angekommen, pfiff ein scharfer Wind. Der Blick nach unten war spektakulär, wenn wir nach links schauten, jagte der Wind die Wolken über den Kamm, wo sie an die scharfen Kanten der Felsen zerrissen. Wir schlichen an der Felswand entlang, mal bergab, mal bergab. Viele Kletterpassagen waren zu bewältigen, der Wind tobte, mal gab es eine kleine Ecke, wo es still war. Die Wolken hüllten uns ein oder gaben kurzfristig wunderbare Blicke in die Landschaft frei. Für die Kletterei zog ich die neuen Handschuhe an, die Stöcke und den Foto hatte ich schon lange weggepackt, weswegen auch bei den Kletterpassagen wenig Fotos zu erwarten sind. Obwohl heute die spektakulärsten Passagen zu bewältigen waren. Lange Kettenabschnitte im Abstieg, eine „Kaminkletterei“ und weitere ausgesetzte Passagen.
Als ich die Kamera vor dem Bauch hatte knallte sie bei einer Kletterei gegen den Fels. Es war nicht das letzte Mal heute, und ob etwas mit dem Objektiv oder der Objektivfassung passiert ist, wird die Werkstatt sagen. Fotografieren kann ich aber noch. Die Sonnenblende hat alles äußerliche abbekommen. Als wir ein kurzes Stück auf dem Grat liefen, hielten wir uns gegenseitig fest. Die Windböen waren heftig. Wir trafen am heutigen Tag (einen Tag später als das Geschehene) einen Deutschen, der zur selben Zeit mit dem Flieger auf Korsika gelandet ist und der sagte, dass Windgeschwindigkeiten über 110 km/h beim Landanflug geherrscht hätten.
Vom Grat verkrochen wir uns in einen Windschatten, wenige Meter darunter und machten eine Pause zur Stärkung. Dann ging der Weg weiter. Der Weg, das waren Steinhalden, die zu überwinden waren, manchmal auch schräge glatte Platten, eine ständige Kraxelei. Mal waren die Stöcke genau richtig, mal mussten sie wieder zurück an den Rucksack. Als wir die ganze Gebirgskette durchstiegen hatten und von einer Scharte auf unsere erste Hütte schauen konnten, entschied Thorsten, dass wir nicht die Gratvariante weiter gehen, sondern ins Tal abstiegen und das andere Tal hinauf zum Tagesziel gehen. Es hieß also viele hundert Höhen-Meter absteigen. Doch nach etwa 150 Höhenmetern machten wir erst einmal Mittag in der Petre Piana Hütte. Heißen Tee, Brot, leckeres Olivenöl, im Gemisch mit Bruscetta, ein Gedicht. Sogar die Franzosen schauten Toma fasziniert zu, wie sie Oregano, Rosmarien, und alle möglichen Gewürztütchen mischte und wir dann das Brot in die Pampe tunkten. Leckerrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr.
Gestärkt ging es auf die zweite Etappe, obwohl die erste schon etwa 7 Stunden Zeit gekostet hatte. Es ging erst einmal bergab, wieder Steine nur zum Schluss des Abstiegs führte der Weg durch einen sonnendurchflutenden Märchenwald und hier war der Weg auch ertragbar. An einer Käserei, kurz vor dem Aufstieg, machten wir noch einmal eine Pause. Hier hätten wir auch übernachten können, doch da hätten wir selbst Zelte haben müssen. Es begann zu regnen, doch der Wirt der Käserei, versprach uns, dass wir bis zur Hütte im Wald laufen würden. 500 Höhenmeter standen noch bevor und wir waren schon 10,5 Stunden unterwegs. Zügigen Schrittes, der Dunkelheit einen Wettlauf bietend, marschierten wir bergauf. Nur eine kleine Umzugspause war uns gegönnt. Der Wald hielt den Regen gut ab, nur kurz vor Schluss der Etappe, als es bis zur Hütte nur noch wenige Meter waren, hagelte und regnete es auf uns richtig nieder. Auch diese Hütte, wie alle auf dem GR20, rühmte sich der Bettwanzen. Doch erst mal waren wir froh, unter einem Dach zu stehen und nicht mehr durchnässt zu werden. Wir waren 12,5 Stunden unterwegs und relativ erschöpft.

Wir logieren im Hotel Central, mitten im Zentrum von Bastia. Bastia ist die nördlichste Stadt auf Korsika, von wo aus wir morgen mit dem Flieger nach Deutschland zurückkehren werden.

Aber zurück zur Doppeletappe. Da der GR 20 ja durchgängig verwanzt ist, bekamen wir wieder ein Zelt zugewiesen und zwei in die Hand gedrückt, um sie selbst aufzubauen.
Zum Glück hatte der Regen nachgelassen, der Wind aber nicht. So mussten wir das Zelt immer unter Kontrolle halten, damit es nicht davon flog beim Aufbauen. Unser Zelt stand schon auf der schiefen Ebene, das von Thorsten bauten wir nebenan auf und auch das hatte eine kleine Neigung, sodass wir die ganze Nacht zum Zeltausgang rutschten. Toma rutschte nicht. Thorsten und wir entschlossen uns nach der langen Etappe Abendbrot in der Hütte zu essen. Es gab ein französisches Drei-Gänge-Menü mit vegetarischer Lasagne, die die 3 Chemnitzer, die uns gegenüber saßen, fast unberührt ließen. Wir bekamen für 3 Mann noch die zwei verbliebenen Menüs, da alle anderen bereits vergeben waren, ja schon aufgegessen, denn es war schon nach 8 Uhr. Die Karl-Marx-Städter hatten gerade eine Etappe von Vizzavona aus dem Süden kommend hinter sich und waren völlig entsetzt über das Wetter. Es war heute auch der kälteste Tag, mit Regen, Sturm, Wolken….
An Duschen oder Waschen haben wir keinen Gedanken verschwendet, nur, wie wir warm durch die Nacht kamen. Das Zelt hielt dicht, wurde aber vom Wind ab und zu durchgerüttelt, was sich recht schaurig anfühlte oder romantisch, je nach dem wie man eingestellt war. Mir war es ziemlich egal, da ich ziemlich schnell einschlief, aber dann gegen Mitternacht aufwachte, als Toma auf das Örtchen ging. Ich folgte. Weit unten im Tal gewitterte es. Man sah die Blitze, wie sie durch die Wolken zuckten. Der Himmel über uns war sternenklar.