Tag 3

3. Tag

Der zweite Tag begann gefühlt mitten in der Nacht. Es war noch dunkel, als rings um unser Zelt Bewegung einsetzte, Menschen aktiv wurden, der Strahl von Taschenlampen unser Zelt streiften. Der Zeltplatz sammelte sich und bereitete sich zum Aufbruch vor. Wir waren wach und berappelten uns. Die Uhr zeigte 6 Uhr. 6.15 Uhr kam Thorsten vorbei, um in der Küche Wasser für den Frühstückstee zu kochen. 6.30 Uhr war Frühstück angeordnet. Wir wollten um 7.30 Uhr los. Das wäre uns fast gelungen, aber zwei Ereignisse hinderten uns daran, als erstes fiel Ramonas Uhr unter die Dielen und in einer 6+ Klettertour wurde sie wiedergeholt und dann waren wir alle auf der Suche nach Tomas Sonnenbrille, die sich Zwischen Innen- und Außenzelt wieder fand.
Obwohl wir gestern schon 1000 Höhenmeter gemacht hatten, hieß erst einmal bergauf. Und diesmal war der Anstieg nicht so gemütlich wie gestern. Es ging noch ein klein wenig bergrunter, doch dann 600 Meter auf felsigem Gelände doch noch ein wenig Wald und vor allem die ersten 1,5 Stunden im Schatten nach oben. Der erste Blick über die Kante war gewaltig. Doch von hier waren es, und wir liefen schon einige Zeit in der Sonne, gar nicht mein Ding, noch vielleicht knapp hundert steile Höhenmeter bis zum einstweiligen Höhepunkt. Von hier sollte es nun 900 Meter bergab zur Hütte gehen. Denkste. Runter und hoch, immer wieder Klettern, nicht gefährlich, einfach nur anstrengend in der Mittagshitze. Da kommt man schon ins Grübeln, ob 2 Liter Wasser wirklich reichen werden. Auch das ständige Wegpacken der Stöcke, manchmal sogar der Kamera, wenn sie beim Klettern im Wege sind. Dann aber wieder auspacken, da ich mich schon so an die Stöcke gewöhnt hatte, dass ich sie auf keinen Fall missen möchte. Sie nehmen auch gewaltig Gewicht von den Knien. Den Beweis konnte ich immer auf meinen Handflächen sehen, die rot geschwollen waren vom Druck der Stöcke.
Jetzt aber erst einmal genug vom Jammern, denn die Ausblicke vom Grat waren einfach nur überwältigend. Schroffe Felsen, tiefe Schluchten, ab und zu majestätische Zedern, die zwar gewaltige Ausmaße hatten, aber in der riesigen Felslandschaft eher wie eine Ansammlung von jahrzehntelang liebevoll beschnittener Bonsai wirkten, die sehr bedacht an ihre Standorte platziert wurden.
Im Gegensatz zu den Klettereien während der Alpenüberquerung, bei der dies Absturzhöhe meist einige hundert Meter tief war, gab es hier kaum Stellen, wo es sehr gefährlich geworden wäre. Klettern war zwar die ganze Streck lang angesagt, aber das war eher kräfteraubend als nervenaufreibend. Adrenalinschübe hielten sich in Grenzen. Glückshormone wurden bei der Schönheit der Natur, der vielen Fotomotive dann wohl öfter ausgeschüttet.
Nach unendlich erscheinendem Bergauf und Bergab, begann dann doch der Abstieg, der die ersten 300 Höhenmeter auch immer wieder eine Kletterei vorsah. Da kam es schon zu den ersten Straucheleien, Stockwürfen und Thorsten, als aufmerksamer Wanderleiter, ordnete dann auch eine Pause zur Erholung an. Auf den letzten 300 Meter hinab zur Hütte stürzte Toma an einer ebenen schottrichen Stelle und wie sich abends, nach Abbau des Adrenalins, sich herausstellte, hatte sie sich ihre linke Hand verletzt. Abstiegsszenarien wurden diskutiert. Wir entschieden uns aber, noch die Wirkung von Voltaren in Form von Schmiere und gepresster Pulverform abzuwarten und morgen früh zu entscheiden.
Die Hütte war wieder verwanzt, und wir bekamen Zelte zugewiesen. Unseres war direkt
vor den Toiletten.
Es roch. Aber es wanzte nicht. Freiheitsliebend wie wir waren machte uns der Gestank gar nichts aus. Wir erfuhren von Wanderern, die den Weg in umgekehrter Richtung gemacht hatten, dass alle Hütten auf dem Weg verwanzt sind. Halleluja!
Die Hütten sind alle sehr einfach. Betten haben wir noch nicht gesehen. Nur die Kochstellen haben wir bereits genutzt, Propangasflaschen mit zwei Kochplatten. In beiden Hütten gab es einen kleinen Laden, der auch das Abendbrot und Frühstück für diejenigen zubereitete, die sich für die Halbpension entschieden. Wir aßen selbst unser mitgebrachtes Essen.
Ein Vergleich mit Hütten in den Alpen liegt sehr, sehr fern.
Hygiene, Verpflegung, Komfort der Unterbringung sind in den Alpen wesentlich besser. Aber da müssen wir durch.